KI. Führung. Klartext. · Ausgabe #2 · Fachkräftemangel 2026
Ausgabe #2 · August 2026
Fachkräftemangel 2026

Was die Zahlen
wirklich sagen.

KI. Führung. Klartext. · Der Newsletter von Sven Neuenfeldt · Säule II · Arbeitsmarkt-Signal
B1 · Hook & Haltung

Gestern hat die Bundesagentur für Arbeit gemeldet: 3.007.000 Arbeitslose, Quote 6,4 Prozent. Wer nur diese Zeile liest, denkt: Der Fachkräftemangel ist erledigt.

Im selben Zeitraum blieben rechnerisch 357.000 Stellen unbesetzbar, weil niemand mit der passenden Qualifikation verfügbar war. Beides stimmt. Und genau darin liegt die Falle für Ihre Personalplanung im nächsten Jahr.

B2 · Das Kernstück

Warum die Lücke schrumpft, obwohl niemand das Problem gelöst hat

Die Fachkräftelücke ist 2025 um 24,1 Prozent gesunken. Auf dem Papier ist das die beste Nachricht seit Jahren.

Sehen Sie sich an, woher der Rückgang kommt. Die durchschnittliche Zahl offener Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte sank gegenüber 2023 um 10,7 Prozent auf 1.110.201. Gleichzeitig stieg die Zahl der qualifizierten Arbeitslosen um 9,1 Prozent auf 1.245.944. Die Lücke ist nicht kleiner geworden, weil mehr Menschen qualifiziert wurden. Sie ist kleiner geworden, weil weniger gesucht wird.

Das ist der Unterschied zwischen einer Lösung und einer Flaute. Und er entscheidet darüber, ob Sie die nächsten zwölf Monate nutzen oder verschlafen.

Denn eine Zahl hat sich in dieser Zeit nicht bewegt: die Demografie. Im öffentlichen Dienst gehen bis 2035 rund 1,39 Millionen Beschäftigte in den Ruhestand, etwa 27 Prozent des gesamten Personalbestands. Schon heute beziffert der dbb die Personallücke auf 600.000 Beschäftigte, ein Plus von rund 30.000 innerhalb eines Jahres. In KMU sieht es strukturell nicht besser aus: Dort ist die Fachkräftelücke innerhalb von zehn Jahren um 51,0 Prozent gestiegen, und 71,7 Prozent aller rechnerisch nicht besetzbaren Stellen entfallen auf kleine und mittlere Unternehmen.

Aus 40 Jahren Arbeitsmarkt weiß ich, wie solche Phasen enden. Die Unternehmen, die in der Flaute ihre Personalarbeit heruntergefahren haben, standen beim nächsten Aufschwung nicht am Start. Sie standen in der Warteschlange.

Drei Hebel, die Sie in der Flaute haben und im Aufschwung nicht mehr

Erstens: Bindung vor Rekrutierung.

Wer Ihr Haus in diesem Jahr verlässt, wird in zwei Jahren zum Marktpreis ersetzt, mit sechs Monaten Einarbeitung obendrauf. Der billigste Zeitpunkt für ein ehrliches Gespräch über Perspektive, Entwicklung und Belastung ist der Zeitpunkt, an dem niemand kündigen will. Also jetzt.

Zweitens: Nachqualifizieren statt suchen.

Im März 2026 standen rund 1,3 Millionen arbeitslose qualifizierte Arbeitskräfte knapp 1,1 Millionen offenen Stellen gegenüber. Trotzdem war rechnerisch etwa jede dritte offene Stelle nicht passend besetzbar, bundesweit rund 357.000. Menschen sind da. Sie passen nur nicht auf das Profil, das Sie ausgeschrieben haben. Prüfen Sie eine einzige Stellenausschreibung darauf, welche Anforderung wirklich am ersten Arbeitstag gebraucht wird und welche jemand in sechs Monaten lernen kann. Die Antwort verändert meistens mehr als der nächste Recruiting-Kanal.

Drittens: Nachwuchs jetzt binden.

Die Statistik für Juli 2026 weist 162.000 unbesetzte Ausbildungsstellen aus. Im selben Monat hatten 147.000 Bewerberinnen und Bewerber weder eine Ausbildungsstelle noch eine Alternative gefunden. Zwei Gruppen, ein Land, ein Monat. Sie finden sich nicht. Wenn Sie ausbilden, ist das Ihre Chance. Wenn Sie nicht ausbilden, ist es Ihre Rechnung ab 2029.

Was Sie am Montag tun, wenn Sie nur 20 Minuten haben

Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie drei Namen auf: die drei Menschen, deren Kündigung Sie im Herbst in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde. Nicht die Leistungsträger auf dem Papier. Die, bei denen Sie wüssten, dass Sie ein Problem haben.

Dann sprechen Sie in dieser Woche mit einer dieser Personen. 20 Minuten, ohne Zielvereinbarung, ohne Formular, ohne Anlass. Eine Frage reicht:

„Was müsste sich hier ändern, damit Sie in drei Jahren noch gern hier arbeiten?“

Ich weiß, wie das klingt. Zu einfach für ein Problem dieser Größe. Aber die meisten Kündigungen, die ich in Organisationen erlebt habe, kamen nicht überraschend. Sie kamen unbeantwortet.

Wenn Sie mehr Zeit haben, hier der Rahmen für 90 Tage:

Monat 1
Ehrliche Standortbestimmung Ihres Bindungsklimas. Der Praxisblock unten liefert Ihnen dafür das Raster.
Monat 2
Zwei Nachqualifizierungen starten. Nicht als Konzept, sondern mit zwei Namen und zwei Terminen.
Monat 3
Ein Anforderungsprofil überarbeiten. Quereinstieg mitdenken, Ausbildung mitdenken, Teilzeit mitdenken.

Neunzig Tage. Kein Projekt, kein Steuerungskreis, keine Folien. Das ist der Vorsprung, den diese Flaute Ihnen schenkt.

Datenbasis: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktbericht Juli 2026 · IW/KOFA Kompakt 3/2026 und 5/2026 · KOFA Kompakt 4/2026 · dbb Monitor öffentlicher Dienst 2026 · Stand: 1. August 2026
B3 · Der Praxisblock

Mini-Canvas: Bindungsklima in meiner Einheit

Eine ehrliche Standortbestimmung. 15 Minuten, allein am Schreibtisch. Ohne HR, ohne Umfragetool.

Denken Sie beim Ausfüllen nicht an Ihre Organisation. Denken Sie an die Menschen, die Ihnen direkt berichten. Bewerten Sie jedes Feld mit Grün, Gelb oder Rot.

1Wissen
Kann ich für jede Person in meinem Team benennen, was sie in drei Jahren beruflich erreichen will?
Bei allen Bei der Hälfte Ich vermute mehr, als ich weiß
2Gespräch
Wann habe ich zuletzt mit jemandem über Perspektive gesprochen, ohne dass ein Anlass dazu zwang (Jahresgespräch, Kündigung, Beschwerde)?
In den letzten 4 Wochen In diesem Halbjahr Fällt mir kein Termin ein
3Entwicklung
Wie viele meiner Mitarbeitenden haben in den letzten 12 Monaten eine Aufgabe übernommen, die sie vorher nicht konnten?
Mehr als die Hälfte Einzelne Alle machen dasselbe wie 2024
4Risiko
Bei wie vielen Personen wüsste ich sofort, was ihr Weggang mich kosten würde — an Wissen, an Kontakten, an Arbeitsfähigkeit?
Ich habe eine klare Liste Zwei, drei Namen im Kopf Ich würde es beim Kündigungsschreiben merken
5Nachfolge
Für welche Schlüsselaufgaben in meiner Einheit gibt es eine zweite Person, die sie übernehmen könnte?
Für die meisten Für einige Für keine, die bald in Rente geht
6Zugang
Welche Menschen kämen für meine offenen Stellen infrage, die ich bisher nicht angesprochen habe? (Quereinstieg, Teilzeit, Rückkehr aus Elternzeit, ältere Beschäftigte, internationale Fachkräfte)
Mindestens eine Gruppe neu erschlossen Wir reden darüber Wir schreiben aus wie 2019
4–6 Grün: Ihr Bindungsklima trägt. Nutzen Sie die Flaute, um die roten Felder zu schließen, bevor der Markt wieder dreht.
Überwiegend Gelb: Der Normalfall in KMU und öffentlichem Dienst. Nichts brennt, und genau das ist die Gefahr. Wählen Sie ein gelbes Feld und machen Sie es bis Ende des Quartals grün. Eines, nicht sechs.
2 oder mehr Rot: Sie führen auf Sicht. Das funktioniert, solange niemand geht. Beginnen Sie mit Feld 4 — Sie können nichts sichern, dessen Wert Sie nicht kennen.
Die eine Frage, wenn Sie nur eine beantworten Welches rote Feld würde Sie am meisten kosten, wenn es im Januar 2027 noch rot ist?
Mini-Canvas aus „KI. Führung. Klartext.“ · Ausgabe #2 · August 2026 · Sven Neuenfeldt · Arbeitsmarktguru
B4 · KI-Klartext

Lassen Sie Ihre eigene Stellenausschreibung auseinandernehmen

Nehmen Sie die letzte Ausschreibung, die zu wenige Bewerbungen gebracht hat. Kopieren Sie sie in ein KI-Tool Ihrer Wahl und geben Sie diesen Auftrag:

„Prüfe diese Stellenausschreibung. Liste jede genannte Anforderung einzeln auf und ordne sie zu: am ersten Arbeitstag zwingend nötig, oder innerhalb von sechs Monaten erlernbar. Markiere zusätzlich alle Formulierungen, die Quereinsteigende, Teilzeitkräfte, Rückkehrende aus Elternzeit oder Bewerbende über 50 abschrecken könnten.“

Zehn Minuten. Bei den Ausschreibungen, die ich so geprüft habe, war regelmäßig ein Drittel der Muss-Anforderungen in Wahrheit ein Wunsch. Jede dieser Zeilen kostet Sie Bewerbungen, die Sie in diesem Markt nicht mehr geschenkt bekommen.

Die Stolperfalle: Der Schritt von der Textprüfung zur Menschensortierung ist kürzer, als er sich anfühlt.

Wer heute Ausschreibungen von KI prüfen lässt, lässt morgen Bewerbungen vorsortieren. Und dort endet die Harmlosigkeit. Anhang III des EU AI Act nennt Beschäftigung und Personalauswahl ausdrücklich als Hochrisiko-Bereich. Die entsprechenden Pflichten greifen seit dem Digital Omnibus erst ab dem 2. Dezember 2027. Wer daraus liest, bis dahin sei alles erlaubt, irrt: Art. 22 DSGVO verbietet rein automatisierte Entscheidungen mit erheblicher Wirkung, und § 26 BDSG regelt den Beschäftigtendatenschutz unabhängig von der AI-Act-Frist.

Und der Stichtag, der Sie sofort betrifft, ist ein anderer: Die Kennzeichnungspflicht nach Art. 50 gilt ab dem 2. August 2026. Wenn in Ihrer Organisation ein Chatbot mit Bewerbenden spricht oder KI-generierte Texte nach außen gehen, muss der Hinweis stehen.

Ein Modell darf Ihre Anforderungsprofile hinterfragen. Über Menschen entscheiden Sie.
Die Reflexionsfrage dieser Ausgabe Welche Anforderung in Ihrer letzten Stellenausschreibung stand nur deshalb drin, weil sie in der vorherigen auch schon stand?
B5 · Abschluss

Am Ende bleibt eine Zahl aus dieser Ausgabe hängen. Nicht die 3.007.000. Nicht die 369.516.

Sondern die zwölf Monate, die Sie gerade geschenkt bekommen — und die Sie nur einmal ausgeben können.

Ihre Reflexion für diese Woche: Welche Personalentscheidung haben Sie in den letzten Monaten vertagt, weil der Druck nachgelassen hat? Antworten Sie mir. Ich lese jede Nachricht persönlich, und die Antworten aus Ausgabe #1 haben mir mehr über die Lage in KMU und Verwaltungen gesagt als drei Studien.

Ihr Transfer: Leiten Sie das Mini-Canvas an eine Führungskraft weiter, die gerade denkt, das Thema habe sich beruhigt. Fünfzehn Minuten Standortbestimmung sind billiger als eine Nachbesetzung im Frühjahr 2028.

Im September: „Führen ohne Kontrolle: Warum Vertrauen das mächtigste Führungsinstrument ist — und das ungenutzteste.“ Es hängt enger mit dieser Ausgabe zusammen, als es aussieht. Denn wer bleibt, bleibt selten wegen des Gehalts.

Sie können diese zwölf Monate gestalten. Nicht die Konjunktur, nicht die Demografie, nicht den Bewerbermarkt. Aber die drei Namen auf Ihrem Blatt Papier.

Bleib neuGIERIG.
Ihr Sven Neuenfeldt
PS: Weitere aktuelle Entwicklungen finden Sie im Blog unter Arbeitsmarktguru | KI, Führung & Digitale Transformation. Wer die KI-Entwicklungen täglich mitnehmen will, ohne den ganzen Tag zu scrollen: KI-TagesBRIEFING. Wer tiefer einsteigen will: KI-GEHEIMreport.

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