Wann haben Sie sich heute zum letzten Mal gefragt, wie es Ihnen wirklich geht – nicht funktional, sondern menschlich? Und wann haben Sie zuletzt eine ehrliche Antwort darauf zugelassen?

Sie sitzen vor Ihrem Bildschirm. In sieben Minuten beginnt das Gespräch mit einer Mitarbeiterin, die seit Wochen unter ihrer Leistung bleibt. Sie wissen, was Sie sagen wollen. Sie kennen die Zahlen. Was Sie nicht wissen: wie es Ihnen selbst gerade geht.

Das ist der blinde Fleck der meisten Führungskräfte. Wir checken Mails, Kalender und Quartalszahlen – aber nicht uns selbst. Und gehen dann mit unbemerkter Anspannung, unverdautem Ärger oder verdrängter Erschöpfung in Gespräche, die Klarheit verlangen.

Im öffentlichen Dienst sehe ich das täglich: Amtsleitungen, die zwischen Bürgeranfragen und Personalgesprächen pendeln, ohne einmal Luft zu holen. In KMU dasselbe Bild: Geschäftsführungen, die operativ und führend in einer Person sind und niemandem zeigen wollen, wie viel das gerade kostet. Die Folge ist immer dieselbe. Die Stimmung der Führungskraft wird zur Stimmung des Tages, ohne dass jemand es ausspricht.

Der Sechzig-Sekunden-Selbst-Check verändert das. Sie halten kurz inne. Sie stellen sich drei Fragen: Was spüre ich gerade im Körper – Enge, Schwere, Wärme? Welche Emotion ist da – Ärger, Sorge, Müdigkeit, Vorfreude? Was bräuchte ich jetzt, auch wenn ich es nicht bekomme?

Diese Sekunden sind kein Luxus. Sie sind Führungsarbeit. Wer den eigenen Zustand kennt, projiziert ihn nicht auf andere. Wer Anspannung benennt, gibt sie nicht ungefiltert weiter. Wer sich selbst ernst nimmt, kann andere ernst nehmen. Das ist die Reihenfolge – nicht andersherum. Wer dort ankommt, führt aus innerer Klarheit, nicht aus Reflex.

Probieren Sie es heute aus. Vor dem nächsten Gespräch. Eine Minute. Mehr nicht.

Mini-Übung für diese Woche: Setzen Sie sich vor dem nächsten geplanten Gespräch aufrecht hin und schließen Sie die Augen. Atmen Sie einmal tief in den Bauch. Beantworten Sie schriftlich auf einem Zettel drei Fragen: Wo spüre ich Anspannung im Körper? Welches Wort beschreibt meine Emotion am genauesten? Was würde mir jetzt guttun? Erst dann beginnen Sie das Gespräch.

„Arbeite an deinem Innern. Da ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du nur immer nachgräbst.“ – Marc Aurel, Selbstbetrachtungen (Buch VII, 59, Wittstock-Übersetzung)

Vertiefung: Das Buch „Emotionale Intelligenz“ von Daniel Goleman liefert das wissenschaftliche Fundament für Selbstwahrnehmung als Führungskompetenz – und zeigt, warum gute Führung nicht beim Verhalten beginnt, sondern beim Innehalten.


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