111-Sekunden-Führungsimpuls

Ihr/e Mitarbeiter/in spricht – und irgendwo zwischen seinem zweiten und dritten Satz sind Sie schon in Ihrer Antwort. Was er danach sagt, hören Sie nicht mehr wirklich.
Es gibt einen Moment in fast jedem Gespräch, den wir alle kennen: Sie hören zu – und merken irgendwann, dass Sie eigentlich längst nicht mehr zuhören. Ihr Gehirn ist bereits in der Antwort. Fertig. Das Gegenüber spricht noch. Aber was jetzt noch kommt, erreicht Sie nicht mehr.
Viktor Frankl hat den Zwischenraum zwischen dem, was auf uns trifft, und dem, was wir zurückgeben, in einer einzigen Formel beschrieben. Stephen R. Covey fasst Viktor Frankls Gedanken so zusammen: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum … – und genau in diesem Raum beginnt unsere Verantwortung.“
Wenn dieser Raum fehlt, verlieren Führungskräfte ihr Team nicht durch eine große Entscheidung. Sie verlieren es durch tausend kleine Momente, die sich unsichtbar summieren – wie Wasser, das einen Stein nicht schlägt, sondern höhlt: ein zu rasches Urteil, ein unbedachter Ton, ein entleerter Blick, und die eigentliche Botschaft ist trotzdem angekommen: Ich bin nicht wirklich hier.
Reagieren und Antworten – das klingt nach einem Unterschied aus dem Wörterbuch. Es ist in Wirklichkeit der Unterschied zwischen Autopilot und Selbstführung. Wer reagiert, lässt sich von der Situation programmieren. Wer antwortet, hat in diesem winzigen Zwischenraum bewusst entschieden.
Trainierbar ist das. Zwei Hebel, die sofort greifen: Erstens, die stille Atemfrage in aufgeladenen Momenten – „Was will ich hier wirklich sagen – und was will ich nur loswerden?“ Zweitens, ein kurzer Abendblick, keine Selbstkritik, nur Neugier: Wo habe ich heute reagiert – und was hätte ich geantwortet, wenn ich mir eine Sekunde mehr gegönnt hätte?
Mini-Übung für diese Woche:
Wählen Sie täglich eine Situation, in der Sie unter Druck geraten – ein Meeting, ein kritisches Gespräch, eine unerwartete Nachricht. Bevor Sie antworten: ein bewusster Atemzug, eine stille innere Frage: „Reagiere ich gerade – oder antworte ich?“ Notieren Sie abends kurz, was Sie beobachtet haben. Drei Tage genügen, um das Muster zu sehen.
„Nicht die Ereignisse beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Ereignisse.“ – Epiktet
Literaturtipp: Susan Davids „Emotional Agility“ (dt. Emotionale Beweglichkeit, 2017) ist das präziseste Buch über den Unterschied zwischen automatischem Reagieren und bewusstem Antworten, das ich für den Führungsalltag kenne. David zeigt, wie emotionale Muster entstehen, die uns auf Autopilot halten – und wie wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion gezielt erweitern können. Besonders wertvoll für alle, die ihre emotionale Souveränität nicht nur verstehen, sondern täglich leben wollen.

Schreibe einen Kommentar